Enges Tal und weite Welt

109 hatten sich die Gemeinde und der Pfarrer schon über die Aufteilung der Baulast geeinigt. Das Stift sollte die Außenmauern wiederherstellen und Holz für den Dachstuhl liefern, die Gemeinde übernahm den Dachbau und die Gestaltung des Innern. Üblicherweise teilten sich Pfarrer, Zehntherr und Gemeinde die Baulast nach einem althergebrachten Grundsatz. Nach dem Visitationsprotokoll von 1684 machte auch Kirchsahr hier keine Ausnahme. Der Pfarrherr war für den Bau des Chors verantwortlich. Da es sich im Fall Kirchsahr um eine inkorporierte Pfarre handelte, lag diese Pflicht beim Stift Münstereifel. Das Stift trug als Zehntherr auch die Kosten für das Kirchenschiff und die Gemeinde baute den Turm. Diese Regelung ist vermutlich sehr alt. Im Erzbistum Köln ist sie schon im frühen 16. Jahrhundert belegt und war zu dieser Zeit bereits sprichwörtlich geworden. In Viersen galt z. B.: „Het choir dem pastoir, het schiff dem Stift, den Toer dem Boer“.175 Der Begriff boer oder bur bedeutet ursprünglich nicht Bauer, sondern Gemeinde. Im Wort Nachbar hat er sich bis heute erhalten. Mit Beginn der Bauarbeiten einigten sich Stift und Gemeinde 1726 über eine leicht geänderte Reglung.176 Das Kapitel führte die Mauerschäden auf das von der Gemeinde vernachlässigte Dach zurück und forderte daher beim Wiederaufbau des Kirchenschiffs von jedem Pfarrangehörigen kostenlose Fuhrdienste an 6 und Handdienste an 8 Tagen. Außerdem sollte die Gemeinde 30 Reichstaler zu den Kosten beisteuern. Dafür übernahm das Stift den Bau der Küsterwohnung und die Reparatur des Turms, „welche sonst den Underthanen und Eingesessenen der Pfar Sahr allein aufgelegen hatt“. Für den Kirchenneubau standen der Gemeinde die Einkünfte aus einem Kapital von 25 Kölner Gulden und 100 Taler aus dem Nachlass des Pfarrers Jakob Fabritius (gest. 1661) zur Verfügung. Da die Summe nicht ausreichte, hatte die Gemeinde etwa 100 Taler aufnehmen müssen.177 Die älteste, allerdings nur skizzenhafte Darstellung der neuen Kirche findet sich in einem Lageplan der Stiftsländereien aus der Zeit um 1748/1750.178 Ein Hinweis auf das Alter des Vorgängerbaus könnte in den beiden Jahreszahlen 1300 und 1730 zu finden sein, die im später entstandenen Flachbogen der Westtür eingemeißelt sind. Dem bekannten Jahr der Einweihung des Neubaus hat man offensichtlich das in der Gemeinde überlieferte Alter des Vorgängerbaus gegenübergestellt. Um- und Ausbauten hat die Kirche in den Jahre 1761, 1912 (Turmdach), 1919 (Vorbau am Eingang), 1949 (Dach), 1955 (Glockenstuhl) erfahren. Im Kirchturm hängen drei Glocken, von denen die älteste aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammt. Die zweite, mit einem etwa 15 cm hohen Krucifix geschmückte Glocke entstand in dessen zweiter Hälfte. Sie trägt die Inschrift: „Jesus Maria beatus Martinus“ (Jesus, Maria, heiliger Martin). Die dritte, zu Beginn des 14. Jahrhunderts gegossene Glocke trägt die lateinische Inschrift: „VENI CREATOR SPIRITUS“ (Komm` Schöpfer-Geist).179 Im Gegensatz zur 1719 gegossenen Glocke der Kapelle in Plittersdorf blieben in Kirchsahr alle Glocken von den Materialbeschlagnahmung der beiden Weltkriege verschont.180

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