Enges Tal und weite Welt

186 Bekenntnis. Folglich schien ihm auch die von ihm als Landdechant innerhalb der katholischen Amtskirche wahrgenommene Aufsichtsfunktion nicht im Widerspruch zu seiner religiösen Überzeugung und Lehre zu stehen. Mit Sicherheit war sein 1565 mit der ausdrücklichen Verpflichtung auf die Augsburger Konfession berufener Nachfolger Protestant. Der neue Pfarrer, Leonhard Drimullen362, hatte die Witwe seines Amtsvorgängers geheiratet, muss aber von Anfang an eine der lutheranischen Lehre entgegengesetzte Position vertreten haben. Kenntnis davon, dass Drimullen bereits kurz nach seinem Amtsantritt ohne Wissen und Willen des Landesherrn, den „anbefolenen underthanen die Calvinische lehr und irthumb vorgetragen“ hatte, erhielt der Graf allerdings erst fast 17 Jahre später. Demnach hatte Drimullen schon um 1565/66 das Ewige Licht (Geleucht), das in jeder katholischen Kirche vor dem Altar als Zeichen der Anwesenheit Christi brennt, aus der Kirche entfernt und 1568 sämtliche Heiligenbilder abhängen und – soweit sie dabei nicht zerschlagen worden waren – in das Obergeschoß des Kirchturms bringen lassen. Der Blankenheimer Graf beauftragte daraufhin den Ortsschultheißen Hermann von Houverath mit der Untersuchung der Vorfälle. Die Ergebnisse der Nachforschungen legte der Schultheiß seinem Landesherrn im März 1584 vor. Neben den inzwischen mehr als 16 Jahre zurückliegenden Ereignissen wusste er zu berichten, dass der Pfarrer die Taufe mit ungeweihtem Brunnenwasser spendete und die Taufformel in Deutsch sprach. Die Beichte hörte er bereits lange nicht mehr. Während der Messe unterließ er es, mit der Gemeinde das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Das Abendmahl verteilte er ohne zuvor gesprochene Wandlungsformel. Alle ihm zur Last gelegten Handlungen wiesen ihn eindeutig als Anhänger Calvins aus. Für Calvin gab es keine Heiligenverehrung und keine Vergebung der Sünden durch einen in Person Christi handelnden Priester. Der Calvinismus ging davon aus, dass ein Mensch nur dann Heil erlangen kann, wenn er dazu von Gott vorherbestimmt ist. Diese „Prädestination“ zeigte sich allein in einem gottgefälligen Leben. Die Lehre bildete so die Grundlage einer weitreichenden sozialen Kontrolle und Disziplinierung. Im Abendmahl sah Calvin allein eine Gedächtnisfeier, bei der Brot und Wein nur als Symbole dienten. Zum Katholizismus und Luthertum unterschied sich der Calvinismus zudem in seiner Kirchenordnung, die der Gemeinde mit dem Recht zur Wahl ihres Pfarrers und ihrer Ältesten eine starke Position einräumte. Gleich nach Vorlage des Berichts ließ Graf Hermann die 1568 abgehängten Bilder nach Blankenheim überführen. Im Dezember 1584 musste sich Drimullen schließlich selbst vor seinem Landesherrn verantworten. Er bekannte sich zu seiner Haltung und zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen und musste daraufhin sein Amt aufgeben. Hart traf ihn die Rückforderung aller seit Einführung des Calvinismus bezogenen Pfarreinkünfte. Im Januar 1585 scheint er Houverath verlassen zu haben. Im Mai des gleichen Jahres nahm ihn die reformierte Gemeinde im kurpfälzischen Hochborn363 bei Alzey als ihren ersten Pfarrer an. Schon am 30. Dezember 1584 war Friedrich Heyningus in Houverath an seine Stelle getreten. Heyningus stammte aus dem im kurtrierischen Amt Kempenich gelegenen

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