193 Eine Welt gerät aus den Fugen Kräfte und Mächte in Europa Die seit der Reformation im Namen der Religion geführten Kriege bildeten den Auftakt zu den großen Auseinandersetzungen der beiden folgenden Jahrhunderte. Die Zeit wird daher allgemein auch als das „Zeitalter der Glaubenskämpfe“ bezeichnet. Konfessionelle Gegensätze bildeten aber vielfach nur den Hintergrund, vor dem sich die mit militärischen Mitteln ausgetragenen Versuche zur Neuordnung des aus den Fugen geratenen Kräftegleichgewichts in Europa vollziehen sollten. Politische, soziale und religiöse Spannungen haben im Verlaufe der Geschichte immer wieder zu Kriegen geführt. Seit dem 16. Jahrhundert überschritten die Auseinandersetzungen aber immer häufiger und in immer stärkerem Maße das Stadium von Konflikten, die auf wenige verfeindete Staaten begrenzt blieben und mit dem Sieg oder der Niederlage einer Seite endeten. Ein zunächst eher unbedeutender Anlass rief in der Sache unbeteiligte Mächte auf den Plan, lokale Konflikte weiteten sich zu Kriegen mit mehreren Kriegsschauplätzen aus, Friedensverträge blieben brüchig und brachten meist nur kurze Atempaupausen zur Bildung neuer Koalitionen. Die Auseinandersetzungen erfassten lich ganz Mitteleuropa und wurden zuletzt auch in den Kolonien der europäischen Großmächte ausgetragen. Die Wetterkarte der Geschichte Die Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Großmächten sind mit deren machtpolitischen Interessen aber nur unzureichend erklärt. Ihre Ursachen liegen viel tiefer. Sie sind nur das deutlichste Anzeichen für die tief greifende, alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden Krise, die Europa seit dem frühen 14. Jahrhundert durchlebte. Auf der Suche nach deren Ursachen ist ein bis dahin kaum beachteter Zusammenhang zwischen historischen Ereignissen und Epochen und den klimatischen Verhältnissen der Zeit zutage getreten. Nachrichten über extreme Wetterereignisse liefern bereits zeitgenössische Berichte. Auch heute sind Unwetter und Abweichungen von der jahreszeitlichen Wetterlage nichts Ungewöhnliches. Erst die Summe der Einzelüberlieferungen vermittelt ein überraschend anderes Bild, das heute von naturwissenschaftlich gestützten Datierungsmethoden bestätigt wird. Die von den klimatischen Verhältnissen abhängigen Unterschiede in der Stärke von Ablagerungen auf dem Grund von Gewässern, die mit den jahreszeitlichen Wetterverhältnissen schwankende Größe der Wachstumsringe von Bäumen, das sich ändernde Vorkommen bestimmter Pollen im Erdreich und das temperaturabhängige Verhältnis der Sauerstoffisotope 18O und 16O in Eisbohrkernen eingeschlossener Einzeller belegen, dass die vergangenen 2.000 Jahre deutliche Klimaschwankungen erlebt haben. Ursachen dieser natürlichen Klimaveränderungen glaubt man heute vor allem in der wechselnden Sonnenaktivität, aber auch in extremen Vulkanausbrüchen gefunden zu haben.
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