Enges Tal und weite Welt

210 Zwei Jahrhunderte Krieg Erste kriegerische Auseinandersetzungen Die Hexenverfolgungen waren der hilflose Versuch, die täglich erfahrene Bedrohung zu erklären und ihr zu begegnen. Noch schrieb man die Schuld an Not, Elend und Krankheit einzelnen, im Pakt mit dem Teufel stehenden Personen zu. Mit diesen glaubte man, auch das Übel aus der Welt schaffen zu können. Die globalen Ursachen der Krise mussten dem Menschen des ausgehenden Mittelalters aus seiner begrenzten Sicht verborgen bleiben. Einfluss konnte er darauf ohnehin nicht nehmen. Ihr gewaltiges Ausmaß wurde aber letztlich davon bestimmt, dass die alte Gesellschaftsordnung mit ihren fest gefügten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen nicht mehr in der Lage war, angemessen auf die veränderten äußeren Bedingungen zu reagieren. Politische und wirtschaftliche Macht waren in festen Händen, die soziale Stellung jedes Einzelnen nahezu unveränderbar festgeschrieben. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse wurden verfolgt, technische Neuerungen von den alten Wirtschaftskräften nach Möglichkeit verhindert. Die Führungsschichten der Territorien und Städte setzten alles daran, ihren Besitzstand zu Lasten ihrer Untertanen zu wahren. So traf die Krise vor allem die Handwerker und Tagelöhner in den Städten und die Bauern. Der überwiegende Teil der Bevölkerung versank in völliger Armut jenseits des Existenzminimums. Das Verhalten der Kirche, die selbst Teil des Herrschaftssystems war, stand in völligem Gegensatz zu der von ihr vertretenen Lehre. Ihr diente die Religion allein noch zur Rechtfertigung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Zweifel an ihrer geistlichen Autorität fand in der Reformation schließlich seinen stärksten Ausdruck. Auch Kaiser und König sahen ihren religiös begründeten umfassenden Machtanspruch mehr und mehr infrage gestellt. Faktisch waren die Landesherren Inhaber der weltlichen Macht geworden. Das Heilige Römische Reich bestand nur noch der Form nach als gemeinsames Dach. Mit dem Niedergang der Zentralmacht brachen immer häufiger Kämpfe zwischen den Teilgewalten aus. Jeder Landesherr versuchte, seine Position auf Kosten des Königs oder seiner Nachbarn auszuweiten. Dabei scheuten die Fürsten auch keine Bündnisse mit ausländischen Mächten. Der Krieg galt inzwischen als legitimes Mittel der Politik. Bis 1815 sollte in Europa mehr als die Hälfte der Jahre von Krieg geprägt sein. Die verarmte Bevölkerung bildete ein schier unerschöpfliches Reservoir, aus dem sich eine beliebige Zahl Söldner rekrutieren ließ. Im Reich schwelte seit Langem der Gegensatz zwischen Kaiser und Landesherren, der seit der Reformation unter religiösen Vorzeichen ausgetragen wurde. Die Vereinigten Niederlande traten 1568 in einen 80 Jahre währenden Krieg um ihre Unabhängigkeit von Spanien. Als das Haus der Herzöge von Jülich-Kleve-Berg 1609 mit Herzog Johann Wilhelm im Mannesstamm ausstarb, stritten die europäischen Großmächte im Jülisch-Klevischen Erbfolgestreit bis 1614 um die Vorherrschaft im westdeutschen Raum. Noch ließ sich ein großer Krieg vermeiden. Der Dreißigjährige Krieg (1618 –

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