337 Der Erste Weltkrieg und seine Folgen585 Ein Krieg wird gemacht Als die Gläubigen am Peter-und-Paulstag des Jahres 1914 zur Messe kamen, fanden sie an der Kirchentür einen Anschlag des Pfarrers. Es war die Titelseite der Kölnischen Volkszeitung mit der Nachricht über das am Tag zuvor (28.6. 1914) im serbischen Sarajewo auf das österreichische Thronfolgerpaar verübte Attentat. In der angespannten außenpolitischen Lage schien vielen klar zu sein, dass dieses Ereignis der Funke an einem Pulverfass sein konnte. Der Pfarrer notierte an diesem Tag: „Den beunruhigenden Eindruck, den diese Mordtat auf die Pfarrkinder machte, glaube ich in den ernsten Mienen habe beobachten zu können.“ Zunächst blieb der Konflikt auf Österreich-Ungarn und Serbien beschränkt. Serbien bestand seit 1882 als eigenständiges Königreich, das die Vormachtstellung Österreich-Ungarns auf dem Balkan infrage stellte. Beide Seiten wollten den Konflikt aber nicht eskalieren lassen. In Wien glaubte man nicht einmal an eine Mitschuld der serbischen Regierung und Serbien war zu weitgehenden Zugeständnissen bereit. In Deutschland sah man jedoch den Zeitpunkt gekommen, eine militärische Lösung der Machtfrage in Europa herbeizuführen. Die deutsche Regierung drängte den Verbündeten zu unannehmbaren Forderungen gegenüber Serbien, sagte auch für den Fall ernster europäischer Komplikationen Unterstützung zu. Als Serbien dem Ultimatum vom 23. Juli 1914 erwartungsgemäß nicht vollständig nachkam, erklärte Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg. Schon zwei Tage zuvor hatte der Pfarrer nach der Christenlehre vor der drohenden Kriegsgefahr und den unabsehbaren Folgen gewarnt und mit der Gemeinde um Frieden gebetet. Gleich nach der Kriegserklärung reagierte das mit Serbien verbündete Russland und ordnete am 30. Juli die Mobilmachung an. Österreich tat am folgenden Tag mit der Generalmobilmachung den nächsten Schritt. Jetzt war für Deutschland der Bündnisfall eingetreten. Noch am gleichen Tag ging ein Ultimatum an Russland, das die Einstellung der dort eingeleiteten Mobilmachung forderte und ein weiteres an Frankreich, das die Neutralität verlangte. Gleichzeitig verhängte das Reich den Kriegszustand. Wenige Stunden später informierten auch in Kirchsahr Plakate über diesen Schritt. Am Samstag (1. August) erfuhr der Pfarrer im Beichtstuhl von der Generalmobilmachung und Kriegserklärung an Russland. In der Predigt der Sonntagsmesse rief er die Militärpflichtigen der Gemeinde auf, „mit Mut und Vertrauen ihre Pflicht zu tun, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frauen und Kinder, das ganze Vaterland zu verteidigen.“ Am folgenden Tag hielt er ein feierliches Hochamt für die 18 ausrückenden jungen Männer. Insgesamt 43 Pfarrmitglieder sollten in den folgenden vier Jahren zum Kriegsdienst einberufen werden. Der 3. August brachte die Kriegserklärung an Frankreich, der folgende Tag den Einmarsch deutscher Truppen in Belgien. Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen (1891 – 1905) hatte 1905 den Plan zu einem Zweifrontenkrieg entwickelt, bei dem zunächst das französische Heer unter Missachtung der belgischen und luxemburgischen Neutralität umgangen und in einem
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