Enges Tal und weite Welt

34 Als man im Mittelalter wieder daranging, die inzwischen wüst gewordenen Gebiete zu kultivieren, waren die vier Jahrhunderte römischer Besiedlung längst in Vergessenheit geraten. Über die Zeit hatte sich nur die romanische Architektur gerettet, die dem mittelalterlichen Menschen jetzt allerdings allein in Kirchen und Klosteranlagen begegnete. Sein einfaches christliches Geschichts- und Weltbild fand allein hier eine Erklärung für die im Feld gefundenen eigentümlichen Fundamente, Säulen, Mosaike und Skulpturen. Im späten Mittelalter nannte man bauliche Überreste aus römischer Zeit meist noch ganz allgemein Kirche, Kloster oder Tempel. Der Fund von Münzen, Gebrauchs- und Kultgegenständen konnte aber nicht alle Zweifel ausräumen. Das dem Ort weiterhin anhaftende Geheimnis ließ die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts aufkommenden, auch in der Eifel verbreiteten Tempelherrensagen weiterleben. Zwischen Großem und Kleinem Entenbach hat zu keiner Zeit ein Kloster gestanden. Schriftliche Nachrichten darüber fehlen ohnehin. Die Mauerreste stammen vielmehr von einer bis in die römische Zeit zurückreichenden Hofstelle. Zu ihr gehörte ein kleines, oberhalb auf dem Gebiet der Gemeinde Berg gelegenes Gräberfeld, das 1889 ein steinbedecktes Brandgrab aus dem 2./3. nachchristlichen Jahrhundert freigab. Seine heute im Landesmuseum Bonn verwahrten Beigaben bestanden aus einer Glasamphore, einem Glasbecher, einer Glasflasche und einem Gefäß zur Weinherstellung (Dolium).26 Ein ähnliches Brandgrab aus der 2. Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts fand man 1932 bei Lind.27 Das Sahrbachtal und seine umgebenden Höhenzüge waren demnach ebenfalls seit dem 2./3. nachchristlichen Jahrhundert von der Ahr her erschlossen und dauerhaft besiedelt worden. Die Frage, wie weit die Besiedlung in römischer Zeit fortgeschritten war, muss offenbleiben. Möglicherweise ist auch Burgsahr bereits auf römischen Mauern entstanden. Die Siedler waren jedoch keine Römer im engeren Sinne. Es waren vielmehr germanisch/keltische Bauern, die sich mit den kargen und unfruchtbaren Tälern zufrieden geben mussten. Allein die Inhaber der führenden Ämter in Provinzialverwaltung und Militär stammten aus den römischen Kernlanden oder den älteren römischen Provinzen. Sie lebten vor allem in den großen Siedlungen am Rhein. Die einheimische Oberschicht übernahm schon bald die höher entwickelte Zivilisation der neuen Herren und brachte sie an die Ahr und in die Seitentäler. Dieser „Romanisierung“ genannte Prozess veränderte zunächst die Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsweise der einheimischen Bevölkerung, erfasste schließlich aber auch Sprache, Religion und Recht. Mitglieder der Oberschicht traten in die Ämter der römischen Lokal- und Provinzialverwaltung ein und brachten mit der Übernahme der römischen Staatsreligion ihre Loyalität zu den neuen Herren zum Ausdruck. Die weitgehend rechtlose Landbevölkerung hielt dagegen noch lange an ihrer vorrömischen Lebensweise und Religion fest. Andererseits wurde in den Städten der auf dem Land verbreitete Matronenkult mit seinen Tempelbezirken in Nettersheim und Nöthen-Pesch von Mitgliedern der Provinzverwaltung und Angehörigen des Militärs übernommen.

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