56 vorstellen und um die Erlaubnis zur Heirat bitten. Sie wurde in der Regel versagt, wenn die Braut aus einer anderen Grundherrschaft stammte oder wenn der vorgeschlagene Ehepartner als nicht zuverlässig galt. Damit sicherte sich der Grundherr seine Einkünfte aus einem sorgsam geführten Hof, die treue Erfüllung der Dienstpflichten und schloss aus, dass ihm beim Tod des Bauern der Hof durch Erbgang verloren ging. Menschen wie Arnulf und seine Ehefrau Alvrada müssen während ihres gesamten Lebens Bedrohung und Unsicherheit erfahren haben. Die Wikingerüberfälle hatten sie möglicherweise noch selbst miterlebt, kannten sie aber mit Sicherheit aus den Erzählungen ihrer Eltern. Selbst wenn sie Krieg und Überfälle nicht unmittelbar miterleben mussten, griffen die Ereignisse doch tief in ihr tägliches Leben ein. Die wenigen Verkehrswege, auf denen sie ihre Erzeugnisse zu den Märkten bringen konnten, waren unsicher und gefährlich geworden. Die Marktorte am Rhein lagen zeitweise in Schutt und Asche. Kam eine Missernte hinzu, bedeutete dies den Untergang. Andere nutzten die unsichere Lage dazu, die eigene Position auf Kosten des Nachbarn zu verbessern. Die lange verteidigte persönliche Freiheit bot unter diesen Umständen keine Vorteile mehr. Man wird den Schritt umso eher verstehen, wenn man bedenkt, dass im Mittelalter ein von heutigen Vorstellungen völlig abweichendes Menschenbild vorgeherrscht hat. Der moderne Mensch geht vom Idealbild eines von allen äußeren Zwängen weitgehend befreiten, keiner Bindung unterworfenen und allein von seinem Willen bestimmten Individuums aus. Diese Sicht des Menschen hat sich aber erst vor weniger als 500 Jahren in einem engen Kreis von Gelehrten, Pädagogen und Literaten zu entwickeln begonnen. Erst diese, Humanismus genannte Bewegung stellte den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, und es sollte nochmals zwei Jahrhunderte dauern, bis die Aufklärung das bürgerliche Ideal eines von Bevormundung freien Menschen prägte. Der Mensch des Mittelalters sah sich dagegen weniger als Einzelperson, sondern als Teil einer weltlichen und geistlichen Gemeinschaft. Familie, Sippe, Kirchengemeinde, Zunft und Stand bestimmten seine soziale Stellung, gaben ihm Sicherheit und Halt. Als Dienstmann oder Mitglied einer Grundherrschaft gehörte man zur familia eines Herrn, von dem man Schutz und Hilfe zu erwarten hatte. Die enge Bindung an einen starken Herrn bewahrte in Notzeiten vor einem völligen sozialen Abstieg, gab Sicherheit vor den Übergriffen feindlicher Nachbarn und Schutz gegen äußere Feinde. Dies dürfte auch Arnulf und seine Ehefrau zwischen 948 und 964 zu ihrem, auch für ihre Nachkommen so wichtigen Schritt bewogen haben. Sie hatten mit der Schenkung ihres bis dahin freien Eigentums zwar die uneingeschränkte Verfügungsgewalt darüber aufgegeben, standen jetzt aber unter dem Schutz des mächtigen und reichen Klosters. Da sie ihr ehemaliges Eigentum mit der Urkunde zugleich zurückerhielten und ihnen obendrein das Gut Effelsberg zur freien Nutzung übertragen wurde, hatte sich ihre wirtschaftliche Situation zudem deutlich verbessert.
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