92 den Epidemien nach drei Jahrhunderten abklangen, hatten sie nicht nur die Bevölkerung Europas stark dezimiert, sondern auch das Lebensgefühl der Menschen grundlegend gewandelt. Anfangs fassten die Menschen unter dem Namen Pest (von lat. pestis = Seuche) eine Reihe hoch ansteckender Krankheiten zusammen. Eine differenzierte Sicht der im Mittelalter und der frühen Neuzeit beschriebenen Krankheitsbilder legt heute neben der eigentlichen Pest eine Unterscheidung nach Pocken, Fleckfieber, Cholera, Typhus, Masern und dem Englischen Schweiß nahe. Die erste Pestwelle hatte ihren Ausgang in Asien genommen und war erstmals 1347 in den Hafenstädten des Mittelmeers aufgetreten. Das Rheinland erreichte sie Anfang 1349. Krankheitserreger der Pest ist ein Bakterium, das zunächst nur Nagetiere befiel. Die Krankheit breitet sich vor allem dann rasant unter den Ratten aus, wenn ihre Zahl einen unverhältnismäßig hohen Stand erreicht hatte. Häufiger verlassen die Ratten dann ihre Verstecke und kommen vermehrt in direktem Kontakt zu den Menschen. Die Gefahr von den Tieren gebissen und dabei infiziert zu werden steigt. Als den eigentlichen Übertragungsweg hat man am Ende des 19. Jahrhundert aber schließlich den Rattenfloh ausgemacht. Die Flöhe nahmen mit jedem Biss verseuchtes Blut ihres Wirts auf. Für den Menschen bedeutete dies zunächst keine Gefahr. Erst bei einem vermehrten Rattensterben verließen die Flöhe ihren verendeten Wirt und gingen auf den Menschen über. Die mit jedem Biss übertragenen Bakterien vermehrten sich rasch und verbreiteten große Mengen giftiger Sekrete, die Nieren und Leber angriffen. Nach wenigen Stunden bis zu sieben Tagen traten bei dem Infizierten Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, starkes Krankheitsgefühl, Benommenheit und später Bewusstseinsstörungen auf. Am Hals, in den Achselhöhlen und in den Leisten schwollen die Lymphknoten und Lymphgefäße zu großen, sehr schmerzhafte Beulen. Sie konnten einen Durchmesser von bis zu 10 Zentimetern erreichen und färbten sich aufgrund innerer Blutungen in den Lymphknoten blauschwarz. Am Ende erlag das Opfer einem toxischen Schock. Waren die Erreger zuvor über die Blutbahn in die Lunge geraten, nahm die Krankheit die besonders ansteckende Form der Lungenpest an. Jetzt konnten die Erreger durch Tröpfcheninfektion die Abwehrbarrieren der Lymphknoten umgehen. Atemnot und schmerzhafter Husten mit blutigem Auswurf waren die Anzeichen der Krankheit, die mit einem Lungenödem mit Kreislaufversagen nach zwei bis fünf Tagen zum Tod führte. Besonders gefährdet Englischer Schweiß: Im 15. und 16. Jahrhundert vor allem in England in fünf Wellen auftretende hoch ansteckende, mit starken Schweißausbrüchen verbundene Infektionskrankheit, die meist tödlich endete. Die vierte Welle traf 1528 auch das europäische Festland und erfasste ganz Deutschland. Arzt beim Aufschneiden einer Pestbeule Holzschnitt aus: Hans Folz, Spruch von der Pestilenz, Nürnberg 1482
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