Enges Tal und weite Welt

93 waren Menschen, die durch Unterernährung und Infektionen geschwächt waren. Für die Ahrregion und die Eifel trat dieser Fall vor allem im letzten Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges ein. Nachrichten über ein Auftreten der Seuche stammen aus den Kriegsjahren 1626 (Ahrweiler), 1636 (Mayschoß) und 1638 (Wadenheim). 1666 traf die Pest Sinzig und 1668 noch einmal Ahrweiler. Langes Siechtum brachte dagegen die Lepra (Aussatz). Starke Verbreitung fand die Krankheit mit den Kreuzzügen und erreichte im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Ursachen waren mangelnde Hygiene und das durch Unterernährung geschwächte Immunsystem. Ansteckend war die Seuche kaum. Nur etwa 5 % der Bevölkerung wurden infiziert. Oft dauert es Jahre oder Jahrzehnte, bis die Krankheit zum Ausbruch kommt. Zunächst zeigen sich auf der Haut unscharf abgegrenzte, sich taub anfühlende Flecken. In ihrer schwersten Form verbreitet sich die Krankheit über Blutbahnen, Nervengewebe, Schleimhäute und das Lymphsystem im ganzen Körper. Die Haut wird von Knoten und kleinen Flecken überzogen, verliert zunächst ihr Temperaturempfinden und wird schließlich auch unempfindlich gegen Schmerzen. Verletzungen und Verbrennungen bis hin zum Verlust von Gliedmaßen sind oft die Folge. Im weiteren Verlauf wurden Knochen, Muskeln, Sehnen von Geschwüren zersetzt und die inneren Organe befallen. Gliedmaßen starben ab. Der Tod tritt nicht durch den Erreger selbst ein, sondern als Folge weiterer Infektionskrankheiten. Entstellungen und fortschreitender körperlicher Verfall verstärkten die Angst vor einer Ansteckung, weshalb Aussätzige aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und der Kontakt mit ihnen vermieden wurde. In größeren Städten wurde ihnen seit dem 11. Jahrhundert isolierte Leprosenhäuser vor den Stadtmauern zugewiesen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verschwand die Lepra allmählich aus der Reihe der chronischen Volkskrankheiten in Mitteleuropa. Vermutlich wurde sie von der Tuberkulose zurückgedrängt, die die von der Lepra geschwächten Personen oft noch vor Ausbruch der Seuche sterben ließ. Alle Seuchen trafen vor allem die Städte mit ihrer hohen Bevölkerungsdichte und kurzen Übertragungswegen. Die Krankenpflege blieb Aufgabe der Familie. Selbst als Preußen mit dem System der Destriktsärzte die Grundlagen zu einer breiteren medizinischen Versorgung gelegt hatte, blieben die wenigen in den Städten praktizierenden Ärzte unerreichbar und unbezahlbar. Bei der Geburt halfen erfahrene Nachbarinnen. Als Missstand hielt das Visitationsprotokoll von 1743 fest, dass sich in der Pfarre Kirchsahr keine Frau bereitgefunden hatte, die Aufgabe einer Hebamme zu übernehmen. Die Behandlung der Krankheiten musste sich allein auf Hausmittel und Naturheilverfahren stützen. Die Kenntnisse über heilende Kräuter und Mineralien waren allerdings weit umfangreicher als heute, der Übergang zur Hexerei aber auch fließend. So war z. B. allgemein bekannt, dass Inhaltsstoffe des Mutterkorns Wehen förderten und es sich daher auch als Abtreibungsmittel einsetzen ließ.

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