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ACHEN
05/17
„
KARLSPREIS 2017
Der englische
Europäer
Ausgerechnet ein Brite erhält den ersten Karlspreis nach dem Brexit-Beschluss? Keiner wäre besser geeignet!
Denn Timothy Garton Ash bekennt sich als Mensch, Wissenschaftler und Publizist zu den Werten der Union.
H
istoriker sind rückwärtsgewandte Philosophen.“ So hat Hans-
Ulrich Wehler, einer der bedeutendsten deutschen Historiker,
den Berufsstand des Geschichtswissenschaftlers umrissen. Der 2014
verstorbene Wehler hat recht: Der Forschungsgegenstand des Histo-
rikers ist die Vergangenheit. Und trotzdem geht der Karlspreis am
Himmelfahrtstag an einen Kollegen, dessen Forschung zwar ihre
Grundlagen in der Vergangenheit hat, der aber gerade mit seinen
Aussagen über die Gegenwart und sogar die Zukunft zu einem der
wichtigsten Denker Europas geworden ist: Timothy Garton Ash,
Professor und Direktor des Zentrums für
Europäische Studien an der Uni-
versität von Oxford (GB) sowie
Lehrbeauftragter an der
ebenso enorm renom-
mierten Universität von
Stanford (USA), zudem
auch Publizist.
„Er ist ein über-
zeugter und bedeuten-
der englischer Europäer
und ein europäischer
Engländer. Für ihn zählt
das Vereinigte Königreich
ganz klar zur europäischen
Wertegemeinschaft“, sagt Dr. Jürgen
Linden, Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums. Die Auszeichnung
für den gebürtigen Londoner ist einerseits die Anerkennung der her-
ausragenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung
von Ashs Arbeit. Andererseits geht diese Würdigung in einer der
dunkelsten Phasen der EU an eine Lichtgestalt der europäischen Idee.
„Krankheit“ der EU diagnostizieren
Es ist der Karlspreis Nummer eins nach dem
Brexit
. Während die
Verhandlungen mit harten Bandagen beginnen, wann und zu wel-
chen Bedingungen Großbritannien tatsächlich aus der EU austritt,
wird am längst euregional geprägten Krönungsort zahlreicher Kaiser
ein Brite geehrt, dessen Forschungsobjekt schon immer Europa war.
Der 61-Jährige gehört in seiner Heimat zu den bedeutendsten Für-
sprechern des europäischen Gedankens, bezeichnete das Abstim-
mungsergebnis des EU-Referendums als „schlimmste Niederlage
meines politischen Lebens“. Jetzt will der Vater zweier Söhne, der
mit seiner Frau Danuta vornehmlich in Oxford lebt, verhindern, dass
das Verhältnis zwischen Europa und dem Vereinigten Königreich
dauerhaften Schaden nimmt. Gleichzeitig hört er nie auf, Europa
kritisch einen Spiegel vorzuhalten. „Die EU ist krank, sie steckt nicht
in einer, sondern in
der
Krise. Bevor man zur Heilung kommt, ist die
richtige Diagnose gefragt“, ist Ash überzeugt.
Schon vor zehn Jahren, als es das Kunst-Unwort
Brexit
noch nicht
gab, stellte Ash eine Diagnose: „Europa hat den Faden verloren. Es
hat vergessen, welche Geschichte es uns eigentlich erzählen will.“ In
den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und zur Zeit des Kalten
Krieges habe es eine klare Idee gegeben, was Europa ist – und was
eben nicht. Die EU wuchs, auch über den einstigen Eisernen Vor-
hang hinaus. Allerdings sei es nicht gelungen, europäische Werte so
zu vermitteln, dass sie in einer Zeit von Digitalisierung und globalen
Netzwerken, in der es laut Ash „mehr Telefone als Menschen gibt“,
noch klar vernehmbar seien. „Er sieht die Krise vor dem Hintergrund
komplexer Zusammenhänge und weist darauf hin, dass unsere Welt
durch die digitale Revolution und Vernetzung große Umwälzungen
erlebt und dabei die vertraute Ordnung überwunden wird“, fasst
Oberbürgermeister Marcel Philipp zusammen.
Meinungsfreiheit als Allheilmittel
Ashs wissenschaftliche Gedanken kreisten schon immer über
Landesgrenzen hinweg. Seine Doktorarbeit wollte er Ende der
1970er Jahre über die Frage schreiben, was Menschen während der
Nazi-Zeit entweder zu Widerstandskämpfern oder zu Kollaborateu-
ren hat werden lassen. Im Berlin der späten 1970er stellte er fest,
dass er seinen Blick auf der Suche nach Antworten nicht in die
Vergangenheit richten musste, sondern dass er sie genauso in der
Gegenwart der damaligen DDR finden konnte.
Fotos (2): medien.aachen.de/A. Herrmann