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ACHEN
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rfolgreich, innovativ, ausgefüllt, konzentriert, vielfältig, enttäuschend:
In diesen Worten fasst Kazem Abdullah seine Zeit als Aachens
Generalmusikdirektor zusammen. Dass sich da auch ein negativer
Begriff eingeschlichen hat, unterstreicht, dass sein Abschied nach
fünf Jahren gleichermaßen Freud und Leid für den US-Amerikaner
mit Wurzeln in Sierra Leone bedeutet. Zur Freud trägt die Entwick-
lung
seines
Sinfonieorchesters bei: „Es ist flexibler, sensibler als zuvor,
der Klang ist voller. Gerade in den vergangenen zwei Spielzeiten
hatten wir viele Gäste, die richtig überrascht waren, wie gehaltvoll
und präzise das Orchester zu spielen imstande ist.“
Leid hingegen hat manche Diskussion beschert, in der er seine
Position aus Sicht eines Kulturschaffenden verteidigt hat, statt poli-
tisch zu denken. Vielleicht hat ihn das zu der Entscheidung geführt,
dass er sich bis auf Weiteres ganz der Musik widmen will: „Eines
Tages will ich wieder eine Festanstellung, wenn alles passt“, sagt er,
ist für den Moment jedoch zufrieden damit, bald freiberuflich in den
USA und Europa unterwegs zu sein. „Nach einer dringend benötig-
ten Sommerpause führt mein erstes Engagement mich im Septem-
ber ausgerechnet nach Miami Beach. Darauf freue ich mich schon!“
Zunächst aber steht diesen Monat seine vorerst letzte Premiere
am Theater Aachen an: „
Ariadne
ist so besonders, weil sie unsere
Arbeit und uns Menschen, die sie tun, zum Thema hat“, macht er
auf „einige der schönsten Melodien, die Strauss je geschrieben hat“,
neugierig. An dem Abend „werde ich glücklich und traurig sein“,
prophezeit er. Wobei das erst der Anfang vom Abschied ist: „Es freut
mich, dass Frank Kemperman vorgeschlagen hat, dass
Pferd & Sinfonie
(Fr./Sa., 14./15. Juli) ein Tribut und Lebewohl für mich sein darf.“
Der ALRV-Chef ist einer von vielen Unterstützern, bei denen Abdullah
sich von Herzen bedankt: „Und bei allen Freunden – und dem Publi-
kum! Ein solch ehrliches, förderndes gibt es weltweit nicht oft.“ pak
Die Premiere von Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos ist So., 14. Mai,
18 Uhr, im Theater. Tickets: Tel. 02 41/47 84-244 ·
theateraachen.deWie genießen Sie Ihren letzten Sommer in Aachen?
Ich dirigiere viele Vorstellungen und bin vorrangig darauf fokussiert.
In dem bisschen Freizeit, das bleibt, koste ich mit Freunden die
Vorzüge meiner Dachterrasse mit großartigem Blick über Aachen aus.
Nach fünf Jahren in der Kaiserstadt: Welche drei Dinge mögen
Sie besonders, welche drei würden Sie am liebsten ändern?
An Aachen liebe ich Aachen am meisten, so viel vorweg. Zu den drei
Dingen: die schöne Stadt mit ihrer überall sichtbaren Geschichte,
die kulturelle Vielfalt der Region und die weltoffenen Menschen, die
sich von ihrer Umgebung inspirieren lassen. Ändern würde ich, dass
Kultur und Bildung noch enger zusammenarbeiten, dass, wenn die
Politik über Kultur diskutiert, tatsächlich Kultur und nicht Politik
diese Diskussion bestimmen sollte. Und dann die Verkehrslage in der
Rush Hour
… – mehr dazu muss ich wohl nicht sagen.
Welche persönliche Entwicklung haben Sie in dieser Zeit gemacht?
Ich bin reifer und damit ein bisschen weiser geworden, habe mir ein
dickeres Fell zugelegt. Als Musiker und Dirigent bin ich gewachsen.
Ich habe gelernt, was es heißt, darüber hinaus Generalmusikdirektor
zu sein, und bin dankbar, dass Aachen mir die Chance gegeben hat.
Wenn Sie in fünf weiteren Jahren aus der Ferne auf Aachen
schauen, was möchten Sie dann sehen?
Entschlossenen Einsatz von Stadt und Bürgern für das Sinfonie-
orchester und das Theater mit ihren reichen Traditionen.
Was wünschen Sie sich für Ihre eigene Zukunft – beruflich, privat?
Ich arbeite künftig frei als Gastdirigent, was gut ist, weil ich mich
dann vornehmlich auf das konzentrieren kann, was ich liebe: Musik
machen. Ich kann auf meine professionellen Netzwerke aufbauen und
diese erweitern. Persönlich möchte ich einen passenden Weg finden,
mich in Afrika zu engagieren und in dieses Land zu investieren.
VORGESTELLT
Foto: Theater Aachen
FRAGE
BOGEN
Geburtsdatum: 4. 7. 1979
Geburtsort: Indianapolis/USA
Familienstand: vergeben
Beruf: Musiker und Dirigent
Hobbys: Mountainbiking,
Lesen, Kochen
Kazem
Abdullah
Abschied mit Freud & Leid
Die Zeit des Generalmusikdirektors in Aachen ist begrenzt, sein Dank unendlich